Fernab der Heimat (Teil 9) - Die Liebe in Malaysia

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Erschienen: 22. März 2019 in der Badischen Zeitung

Unerwartet traf Lisa Schell bei ihrer Malaysia-Reise die Liebe ihres Lebens: Heute betreibt sie mit ihrem Ehemann Remy Ismail ein eigenes Café und gibt dort Kochkurse für Touristen.

Lisa Schell ist ein aufgeweckter Mensch, sie hat schwarzes Haar, dunkle Augen, eine zierliche Figur und trägt immer ein Lächeln auf dem Gesicht. Ihre Flucht vor dem erdrückenden Alltag führte sie 2016 über Umwege nach Malaysia, wo sie ihren Ehemann Remy Ismail und den Islam kennenlernte und sich zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl einstellte, endlich angekommen zu sein.

Zwischen Deutschland und Malaysia herrscht eine Zeitverschiebung von plus sieben Stunden. Es ist nicht ganz so einfach, einen Telefontermin mit Lisa zu finden, da sie in einer anderen Zeitzone lebt und im eigenen Café steht, bedient und kocht, bis der letzte Kunde geht. Hinzu kommt, dass sie weder bei der Arbeit noch Zuhause eine Internetverbindung hat. Doch nach mehreren Anläufen klappt es, die 27-Jährige zu erreichen. Sie sitzt in einer Bar, im Hintergrund ist Musik zu hören. Sie freut sich über den Anruf, denn er kommt aus ihrer Heimat.

Aufgewachsen ist Lisa Schell in Harpolingen. Sie machte 2010 ihr Abitur am Wirtschaftsgymnasium in Bad Säckingen. Lange wusste sie nicht, welche berufliche Laufbahn sie einschlagen möchte. Sie arbeitete in einem Supermarkt, um Geld für eine Reise in die USA und nach Kanada zu verdienen. Irgendwann zog sie mit Freunden nach Berlin, machte eine Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau, doch Zufriedenheit stellte sich nicht ein. "Ich mochte Sport, aber das war definitiv nicht mein Traumjob. In Berlin wusste ich nicht viel mit mir anzufangen", erklärt die 27-Jährige. Fünf Jahre lang lebte sie in der Hauptstadt, doch als das Fitnessstudio, in dem sie arbeitete, insolvent wurde, erhielt sie die Kündigung. "Danach musste ich einfach raus, einen klaren Kopf bekommen und darüber nachdenken, was ich eigentlich möchte."

Jeder kennt diesen Punkt im Leben, an dem es nicht weiter geht und nur Veränderung eine klare Sicht verschafft. Auf der Suche nach Gewissheit und Halt fand Lisa ein neues Leben. Geplant war eine dreimonatige Reise gemeinsam mit einer Freundin nach Thailand, Malaysia und Indonesien. Im Januar 2016 startete Lisas persönliches Abenteuer in Bangkok. Nach einem Monat in Thailand ging es weiter nach Malaysia. Doch das Reisevergnügen währte nicht lange. "Bereits in Thailand habe ich mich mit Denguefieber angesteckt. Doch da ich aufgrund des Visums nach 30 Tagen ausreisen musste, flogen wir weiter nach Malaysia", schildert Schell. Sie sei so krank gewesen, dass sie die ersten Tage auf malaysischem Boden in einem Krankenhaus in George Town verbracht habe.

Die Pechsträhne der zwei Frauen riss nicht ab, denn nachdem Lisa gesund war, erkrankte ihre Freundin. "Wir konnten so nicht weiterreisen, da Laura ans Bett gefesselt war. Ich kümmerte mich um sie und war gezwungen, die Insel Penang zwischendurch auf eigene Faust zu erkunden", erinnert sie sich. Durch Zufall lernte sie in einem Café ihren späteren Ehemann Remy Ismail kennen. "Wir kamen ins Gespräch, er zeigte mir die Insel, und so führte eines zum anderen. Ich hätte nie gedacht, mich dort zu verlieben und den Mann meines Lebens zu treffen", sagt sie lachend. Nach nur einem Monat in George Town entschied sich Lisa für ein Leben mit Remy in Malaysia.

Mut zur Veränderung. Den Heimflug trat sie nur an, um ihr Hab und Gut in Deutschland zu packen und der Familie und Freunden auf unbestimmte Zeit Adieu zu sagen. Sowohl die Familie als auch ihre Freunde stellten tausende Fragen, doch sie unterstützten Lisa in ihren Plänen. "Wenn ich so darüber nachdenke, dann kann ich es nicht fassen, wie sehr sich alles innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre verändert hat. Wie sehr ich mich verändert habe. Ich bin ausgewandert, verheiratet und führe ein eigenes Café", sagt Lisa Schell. Natürlich habe sie länger über ihre Entscheidung nachgedacht, doch manchmal wisse man einfach, dass es passe. Es habe sich richtig angefühlt. "Ich bin glücklich. Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich, dass ich zufrieden bin."

Lisa Schell lebt nicht das Leben ihrer Träume, sondern eines, das sie sich in ihren kühnsten Vorstellungen nicht hätte ausmalen können. Unzählige Fügungen brachten sie auf die Insel Penang in der Straße von Malakka. Wenige Monate nach ihrer Auswanderung konvertierte die junge Frau vom Christentum zum Islam und gab Remy Ismail bei einer großen traditionellen malaysischen Trauung das Ja-Wort.

"Im Islam gibt es keine Beziehungen vor der Ehe, so wie wir sie kennen. Sondern entweder ist man nicht zusammen oder verheiratet", erklärt die 27-Jährige. "Malaysia ist ein vorwiegend islamisches Land, daher habe ich mich sehr intensiv mit der Religion auseinandergesetzt und bin noch vor der Hochzeit aus Überzeugung konvertiert." Im Januar 2017 eröffneten Lisa und Remy gemeinsam das "The Brick Café" auf Penang. Durch Remys Familie und Freunde lernte die Auswanderin die malaysische Kultur, Sprache und Küche kennen.

In ihrem eigenen Café kocht sie traditionelle malaysische Gerichte, aber auch westliche Küche: "In Malaysia wird viel mit Curry, Kokosnussmilch und Sternanis gearbeitet, aber es gibt auch viel Fisch und Fleisch." Sie lebe sich bei den Gerichten kreativ aus, die Karte werde ständig verbessert. Zudem gibt Schell regelmäßig Kochkurse für Touristen. "Ich habe gelernt, das Leben zu genießen und genau das zu tun, was ich möchte und nicht Angst davor zu haben, etwas zu verändern. " Ihre Entscheidung habe sie noch nicht eine Sekunde bereut, wenn auch die Sehnsucht nach ihrer Familie und den Freunden in der Heimat immer bleibe.

Badische Zeitung Online: https://www.badische-zeitung.de/lisa-schell-aus-harpolingen-betreibt-ihr-eigenes-caf-in-malaysia

Nina Witwicki