Fernab der Heimat (Teil 4) - Journalistin Heike Faller

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Erschienen: 21. September 2018 in der Badischen Zeitung

Der Hochrhein ist ein guter Platz zum Leben. Es gibt viele Freizeitangebote und auch ausreichend Arbeitsplätze. Dennoch zieht es immer wieder Menschen weg, um anderswo ihr Glück zu finden. In der Serie „Fernab der Heimat“ stellt die Badische Zeitung Menschen aus der Region vor, die den Sprung gewagt und ihr Glück in der Welt gefunden haben.

Nur sehr wenige Menschen haben das Talent, dass sich ein Gespräch mit ihnen von der ersten Sekunde an angenehm, vertraut und leicht anfühlt – es scheint als kenne man sich. Heike Faller, Journalistin des Zeit Magazins, Buchautorin und Preisträgerin des Henri-Nannen-Preises für die Reportage „Der Getriebene“ ist solch ein Mensch. In der Reportage beschreibt sie den Kampf eines pädophilen Mannes gegen seine sexuelle Neigung. Ihre ungewöhnlich sympathische Art ist einer der Gründe für ihren Erfolg.

Heike Faller ist in Berlin zu Hause, doch die Heimat hat sie nie vergessen. Sie besucht gerne ihre Familie und genießt besonders die Zeit mit ihren kleinen Nichten Paula und Lotta. Aufgewachsen ist die 47-jährige Journalistin in Niederhof, ging in Laufenburg auf die Realschule und besuchte anschließend das Wirtschaftsgymnasium in Bad Säckingen. Als Jugendliche dachte sie daran, Bankkauffrau zu werden und in der Provinz zu bleiben, doch es kam alles anders.

Mit 17 Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Artikel im Südkurier und hatte Blut geleckt- am Schreiben und Recherchieren. „Ich war von Anfang an begeistert von diesem Job und bin von Natur aus extrem neugierig- es passte wie die Faust aufs Auge“, sagt Heike Faller rückblickend.

Sie interessiert sich besonders für Menschen, ihre Geschichten, betrachtet Altvertrautes mit Vorliebe aus einem anderen Blickwinkel und möchte am liebsten jede Lebenssituation auf der Welt erforschen, beispielsweise wie eine Flüchtlingsfamilie in ihrer Heimat in Afghanistan noch vor der Flucht den Alltag bestritt.

Heike Faller ist achtsam, stellt sich Fragen wie: was wäre, wenn wir den Mond so selten zu Gesicht bekämen wie eine Sonnenfinsternis? Dieses Prinzip wendet die Journalistin unbewusst schon seit Jahren an. Wer sich an Dinge gewöhne, sie als selbstverständlich betrachte, der staune nicht mehr und werde blind. „Manchmal müssen nur kleine Vorzeichen der Sichtweise verändert werden, wodurch etwas wieder interessant wird und man einen frischen Blick bekommt.“

Im Frühjahr erschien ihr Buch „Hundert- Was du im Leben lernen wirst“. Valerio Vidali hat es illustriert. Es ist ein Buch in dem das Leben geschrieben steht. In 100 Lektionen erfährt der Leser auf poetische und einfühlsame Weise, was ein Mensch im Laufe seines Lebens lernt: „0 – Du lächelst, zum ersten Mal im Leben. Und die anderen lächeln zurück“, „56- Du hast Dich an die Welt gewöhnt. Oft betrachtest Du nicht mal den Mond“, „96- Und es wird Frühling. Ihre Nichte hat sie zu diesem Herzensprojekt inspiriert: „Als Lotta auf die Welt kam, habe ich sie in ihrer Wiege angeschaut und gedacht: auf Dich wird noch einiges zukommen, von dem Du noch nichts weist und Du musst noch so vieles lernen.“ Ihre erste Idee war ein Gedicht für Lotta zu verfassen, in dem eine Zeile für ein Lebensjahr und eine neue Lernerfahrung steht. Daraus wurde ein Buch. 

Das Geheimnis von Heike Fallers Erfolg ist wahrscheinlich ihre entwaffnende ehrliche vertrauenserweckende Art, die dem Gesprächspartner das Gefühl vermittelt ihr alles erzählen zu können. Das ist einer der Gründe dafür, dass sie das Vertrauen eines jungen Mannes gewinnen konnte, der sein ganzes Leben damit kämpft seine pädophilen Neigungen im Zaum zu halten und seine Sexualität zu unterdrücken. Die Journalistin begleitete ihn ein Jahr lang bei seiner Therapie. Der Artikel erschien 2012 im Zeit-Magazin mit dem Titel „Der Getriebene“. Heike Faller gelingt es, das Thema Pädophilie im Ganzen zu ergründen. Sie beschreibt behutsam die Ängste und Nöte des Mannes- ohne ihn zu verurteilen. Ihr Text taucht tief in seine Lebenswelt. Mit der Reportage gewinnt sie 2013 den renommierten Henri-Nannen-Preis. 

Doch noch mal von vorn: Heike Faller begann mit 17 Jahren neben der Schule für den Südkurier als freie Mitarbeiterin zu arbeiten. „Das gute beim Lokaljournalismus war, dass ich schon früh die Möglichkeit bekam Erfahrungen zu sammeln und mich auszuprobieren.“ Die Redakteure erkannten ihr Talent, unterstützten und förderten sie. Nach dem Abitur bewarb sich Heike Faller bei der Deutschen Journalisten Schule (DJS) in München und wurde angenommen. „Die erste Zeit dort war verwirrend. Ich war mit weitem Abstand die Jüngste und fühlte mich noch sehr jung.“

Sie befand sich in einer Phase der Selbstfindung, manchmal dachte sie, dass es vielleicht besser gewesen wäre, erst zu studieren und dann auf die Journalistenschule zu gehen. Doch die Unsicherheit verflog, denn Heike Faller traf Journalisten, die sie bestärkten.

„Ich hatte in meiner Karriere oft unheimliches Glück. Beispielsweise lernte ich bei meinem Praktikum beim SZ Magazin eine Handvoll Redakteure kennen, die meine Arbeit gut fanden und mir dadurch viele Kontakte vermittelten und meine Karriere maßgeblich prägten“, sagt Journalistin sinnierend. Nach der DJS zog es die junge Frau nach New York. Sie blieb fünf Jahre. Als Fotoredakteurin arbeitete sie für die Jugendzeitschrift Mädchen und schrieb als freie Journalistin für Geo und Brigitte.

Irgendwann meldete sich Andreas Lebert, den sie vom SZ-Magazin kannte. Er gründete 1998 das Ressort Leben bei der Wochenzeitung Die Zeit, welches ein Jahr später zum Zeit Magazin wurde. Von Anfang an dabei: Heike Faller. „Mit 28 Jahren bekam ich die Möglichkeit, mein eigenes Ding zu machen und meinen Stil zu finden.“

Die Journalistin schreibt ausführlich recherchierte Reportagen und ist auf gesellschaftskritische Stücke spezialisiert. Ein Traumjob für viele Journalisten. „Ich liebe meinen Job“, sagt sie. Sie sei thematisch vollkommen frei und habe Zeit, um unterschiedliche Dinge der Welt zu beleuchten: „Eigentlich ist es wie bei einer Schülerzeitung. Ich kann viel rumprobieren.“

Heike Faller hat ein Gespür für Menschen - ihre Artikel kratzen nicht an der Oberfläche. Sie schaut genau hin und gräbt sich tief in eine Thematik hinein, bis sie sie vollkommen ergründet hat.

 

Heike Fallers preisgekrönte Reportage „Der Getriebene“ von 2012 im Zeit-Magazin: https://www.zeit.de/2012/44/Sexualitaet-Paedophilie-Therapie

Ihr Buch „Hundert“ kann für 20 Euro in jeder Buchhandlung erworben werden.

Badische Zeitung Online: http://www.badische-zeitung.de/bad-saeckingen/der-etwas-andere-blickwinkel-x3x--156870017.html

Nina Witwicki