In den Schützengräben von 1915

Erschienen: 17. August 2016 in der Badischen Zeitung

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Eine vergilbte Fotografie eines jungen, stattlichen Soldaten in gestriegelter Uniform. Gewehr um die Schulter, Rucksack auf dem Rücken und eine Pickelhaube auf dem Haupt. Er posiert voller Stolz und doch lässig, mit einem Bein auf einem Stein stehend in einem Wald. Sein Blick ist ernst, beinahe ehrfurchtsvoll. Es ist der Freiburger Fotograf Adolf Karl Julius Steinhäuser, genannt Julius. Im April 1917 verlor er im Ersten Weltkrieg an der Westfront in Frankreich sein Leben – und hinterließ rund 400 Kriegsfotografien. Seine Familie hat ihn bis heute nicht vergessen.

Die Lebensgeschichte von Julius Steinhäuser erzählt von einem talentierten Fotografen, der seinen Dienst am Vaterland als Soldat tat, sich durch die Schrecken des Ersten Weltkrieges nicht unterkriegen ließ und seinen Alltag im Stellungskrieg mit der Kamera festhielt. Es ist aber auch die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Leichnam aufgrund der Wirren des Weltkrieges nicht geborgen werden konnte und daher wie so viele Gefallene kein Grab besitzt.

Fotografieren als Ablenkung
"Ich fühle mich meinem Onkel sehr verbunden, auch wenn er bereits zwanzig Jahre vor meiner Geburt an der Front starb", sagt Rüdiger Frey und lächelt. Der 79-Jährige ist der Neffe von Julius Steinhäuser. Der Onkel sei ein Freigeist, ein Künstler gewesen, weiß Frey aus Berichten seiner Mutter Margarete. Er habe versucht, sich die lange Zeit in den Schützengräben mit Fotografieren erträglich zu machen. Viele seiner rund 400 überlieferten Bilder sind heute für jedermann zugänglich im Bildarchiv in Staufen, der Außenstelle Südbaden des Badischen Landesmuseums Karlsruhe.

Julius Steinhäuser wurde am 4. Oktober 1890 in Freiburg als Sohn von Adolf und Luise Steinhäuser geboren. Sein Vater stammte ursprünglich aus dem böhmischen Marienbad und war gelernter Fotograf. Seine Wanderjahre führten ihn nach Freiburg, wo er 1895 das Fotoatelier des Baden-Badener Hoffotografen Tschirra in der Karthäuserstraße 4 (damals noch mit h geschrieben) übernahm und es bis 1928 leitete. Auch Julius interessierte sich für Fotografie, lernte das Handwerk unter den Augen seines Vaters in dessen Atelier und später in München. Als einziger Sohn sollte er eines Tages das Familiengeschäft übernehmen – dazu kam es aber nie.

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Am 28. Juli 1914 begann der Erste Weltkrieg. Er forderte Millionen von Menschenleben und brachte die gesamte Welt und das Leben vieler ins Wanken – auch das der Familie Steinhäuser. Julius wurde am 7. November 1914 eingezogen und befand sich ab März 1915 an der Westfront in Frankreich. In zahlreichen Briefen an seine Eltern und die Schwestern Margarete und Paula beschreibt Steinhäuser den Alltag an der Front – meist nur in knappen, kargen Sätzen. Oft bittet er um Brot und Geld, aber zumeist um weitere Filmpackungen und entwickelte Fotos. Durch seine teils akribischen Notizen wird schnell klar: Julius schoss viele Fotos von seinem Leben im Krieg, aber auch Portraits von seinen Kameraden und Vorgesetzten.

Die Aufnahmen waren in seiner Einheit sehr gefragt, immer wieder nahm er Fotobestellungen entgegen. Die Filme sandte er nach Freiburg zu seinem Vater Adolf, der die Negative in der Karthäuserstraße entwickelte und als Fotos oder Fotopostenkarten zu seinem Sohn an die Front zurückschickte. Dort beschriftete Julius die Fotos teilweise und verschenkte oder verkaufte sie für wenig Geld.

Seine bedrückend ehrlichen Bilder zeigen zerbombte Städte, deutsche Soldaten "in höchster Alarmbereitschaft in den Kellern zu Loos", wie sie eilig in voller Montur ihre Mahlzeit hinunterschlingen, aber auch junge Männer, die in die Kamera grinsen, sie zeigen "eroberte Schützengräben (...) aufgefüllt mit Toten und erobertem Kriegsmaterial".

Sie lassen erahnen, was für ein Leben diese Männer mitten im Krieg führen mussten. Eingeschlossen in Schützengräben standen sie dem damaligen Feind nur wenige Meter gegenüber, lebten zwischen Kampf und Erschöpfung. Eine Situation, die Julius Steinhäuser mit seiner Kamera für die Nachwelt festhielt.

Mit nur 26 Jahren stirbt Julius Steinhäuser als Offiziersaspirant und Vizefeldwebel im Ersatz-Infanterie-Regiment Nummer 28, 8. Kompanie, am 16. April 1917 in der Schlacht an der Aisne bei Corberry in Frankreich den "Heldentod fürs Vaterland", wie es in einem Kondolenzschreiben der Kompanie an die Familie heißt. Seine sterblichen Überreste konnten aufgrund der nicht endenden Kriegswirren 1917 nicht geborgen werden, daher besitzt Julius Steinhäuser bis heute kein Grab. Seine Familie verlor nicht nur ihren einzigen geliebten Sohn, der den Lebensunterhalt der Familie später weiter sichern sollte. Sie konnte ihn auch nicht in der Heimat bestatten. Eine Tatsache, die noch eine Generation später seinem Neffen Rüdiger Frey Tränen in die Augen treibt und ihn nachdenklich macht.

Adolf Steinhäuser überließ sein Fotoatelier 1928 seinem ehemaligen Lehrling Emil Kessler, der es bis 1933 weiterführte. Beinahe ein Jahrhundert bewahrten die Familie Steinhäuser und später Frey die Feldpost, Fotografien, Negative und Notiz- und Tagebücher von Julius wie einen kleinen Schatz, einen Schatz der Erinnerung. 2004 entschied sich Rüdiger Frey, einen Teil der Nachlässe seines Onkels und seines Großvaters an das Bildarchiv in Staufen zu geben, damit die Erinnerung an seine Familie nicht verloren geht.

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Ein Bild von Julius rettete seine Schwester

Der Nachlass der Familie Steinhäuser, insbesondere des Kriegsfotografen Julius Steinhäuser ist bis heute nicht wissenschaftlich aufgearbeitet. Briefe, Tagebuchfragmente und Fotografien erzählen noch viele weitere Geschichten, die darauf warten, entdeckt zu werden.

Das Gedenken an Julius Steinhäuser spielt in der Familie eine große Rolle, besonders, da er seiner jüngeren Schwester Paula nach seinem Tode das Leben rettet, erzählt Rüdiger Frey. Im nationalsozialistischen Deutschland habe sich seine Tante Paula öffentlich mit einem SS-Mann angelegt, der ihr daraufhin den Pass abnahm und sie in eine Munitionsfabrik weit weg von Freiburg schicken wollte.



Tage später, als ein anderer Mann sie im elterlichen Haus an der Erwinstraße abholen wollte, sah er das Bild von Julius in seiner Uniform an der Wand des Wohnzimmers hängen. Er kannte diesen Mann einst, der ehrenvoll für das Vaterland gestorben sei, sagte er. Aus diesem Grund wolle er Paula verschonen. Rüdiger Frey zeigt auf das Bild seines Onkels Julius Steinhäuser, das nach wie vor in der Erwinstraße an exakt der selben Stelle hängt wie vor mehr als 70 Jahren: "Meine Familie ist sich sicher, dass Julius über den Tod hinaus meiner Tante so das Leben gerettet hat. Sein Tod war nicht umsonst."

Bildquelle: Bildarchiv Staufen, Adresse: Hauptstraße 11, 79219 Staufen im Breisgau

Mail: aussenstelle.suedbaden@landesmuseum.de

Badische Zeitung Online: http://www.badische-zeitung.de/freiburg/wie-ein-freiburger-den-ersten-weltkrieg-fotografierte--126148085.html

Nina Witwicki